Radio Havanna beim Oxfam Trailwalker 2010 – der Nachbericht

Nach Wochen völlig unzureichender Vorbereitung, nach wochenlangem Spendensammeln war es am vergangenen Wochenende so weit: Freitag der 10.9.2010, wir machten uns auf dem Weg von Berlin nach Osterode, um dort am Oxfam Trailwalker teilzunehmen.
Über 2000 Euro hatten wir gemeinsam mit unseren Fans, Freunden und Bekannten gesammelt, was die Voraussetzung für die Teilnahme am Oxfam Trailwalker ist. Wir fanden und finden- eine super Aktion, denn die Spenden die alle Teams gesammelt haben, gehen direkt an Bildungsprojekte in Zentralafrika und Südasien. Der Haken an der ganzen Sache war nur, dass unsere schlaffen Kadaver leider viel zu unsportlich für eine solche extreme Herausforderung wie 100 Kilometer Wandern sind. Diese 100 km mussten dann auch noch am Stück gelaufen werden und innerhalb von 30 Stunden geschafft werden…uff.
Im völligen Überschwang dachten wir vor ca. fünf Monaten „der Mensch wächst mit seinen Aufgaben“, und da saßen wir, im Mietbus nach Osterode (Harz), mit völlig zu Recht schlotternden Knien. Wir konnten erst recht spät in Berlin losfahren und kamen gegen 21 Uhr in Osterode an. Auf der Fahrt dorthin versuchten wir uns immer wieder anhand von Autobahnschildern klar zu machen wie weit genau 100 Kilometer sind. Da ging das alles noch recht fix vorbei.
In Osterode war dann auch nicht allzu viel los, wir mussten Startunterlagen abholen und dann auch schon unser Zeltlager auf dem naheliegenden Campingplatz aufschlagen. Saukalt war es in dieser Nacht, sodass wir nach sechs Stunden schlechtem Schlaf in gefühlter polarer Kälte schon um 6 Uhr aufstehen mussten. Noch einmal für alle die es nicht wissen: 6 Uhr aufstehen ist für eine Punkrockband viel zu früh.
Dann ging es ab zum Frühstück in der Stadthalle von Osterode, welche genau neben dem Campingplatz liegt. Natürlich haben wir wieder einmal schön getrödelt und plötzlich wurde es zeitlich dann doch ziemlich knapp. Wir waren die Letzten am Start kurz vor 7.30 Uhr und so ergab es sich, dass wir in der ersten Reihe standen. Eigentlich stehen hier nur die Superduperathleten, die diese 100 Kilometer in ungefähr zehn Stunden schaffen wollen.

Radio Havanna wandert

Um diesen Athleten aber nicht den Weg zu versperren und um nebenbei auch noch gut auszusehen, überlegten wir uns deshalb, den Anfang genau wie diese im Joggen zu starten. Da staunte das Publikum dann auch gar nicht schlecht. Gott sei Dank mussten wir nur um die nächste Ecke biegen, um mit unserem 5 km/h Walkingtempo fortzufahren und somit die Reisegeschwindigkeit für die ersten 50 Kilometer zu erreichen.
So ging es nun los. Es folgten mehrere schwere Anstiege und bis Kilometer Vierzig ging das Ganze auch noch recht locker von der Hand. Wir liefen von Checkpoint zu Checkpoint. Jede der Distanzen zwischen diesen war 5 bis 15 Kilometer weit, sodass es mal weitere und mal kürzere Strecken gab. An den Checkpoints wurden wir dann immer fürstlich von unseren Supporterinnen Nici und Sophie (an die ein riesig großes Lob rausgeht) verwöhnt.
Unser Freund Peta ist sogar freiwillig und außerhalb der Wertung die ersten vierzig Kilometer mitgelaufen, musste sich dann aber blasenbedingt von der großen Bühne des Trailwalkers verabschieden.
So liefen wir dann Kilometer für Kilometer über Stock und Stein, durch Matsch und Schlamm, um Stauseen und dann war es nach 13 Stunden laufen auch schon 20 Uhr und wir kamen auf der Hälfte der Strecke bei ungefähr Kilometer 50 bei Checkpoint 4 an. Hier folgte unsere längste Pause und mit ihr unser erstes großes Tief. Fichte hatte Krämpfe und große Schmerzen in den Beinen und musste sich erstmal so richtig vom Physiotherapeuten vor Ort durchnudeln lassen. Nach fast einer Stunde ging die Sonne langsam unter und wir liefen weiter zur nächsten Etappe. Die war auch Gott sei Dank nicht ganz so lang, denn ungefähr auf der Hälfte hatte sich unter meiner rechten Fußsohle eine Blase gebildet, die mich fast wahnsinnig gemacht hat. Die Blase hat nach kurzer Zeit so geschmerzt, dass mein Körper bei jedem Schritt ein Adrenalincocktail in mich geschossen hat der wohl vergleichbar sein muss mit einer Überdosis Crack. Völlig benebelt davon erreichte ich Checkpoint Nummer 6. Dort marschierte ich direkt mal zum Roten Kreuz. Den Damen und Herren vom DRK musste ich unsere Mission zum Glück nicht näher erläutern und so stachen sie die Blase auf, verbanden diese und weiter ging es für uns zur nächsten Etappe. Mittlerweile war es zappenduster im Wald und so mussten wir mit unseren Grubenleuchten auf dem Kopf durch die Nacht marschieren. Nach den mittlerweile gelaufenen 60 Kilometern hatten sich die 95 teilnehmenden Teams derart auf die Strecke verteilt, dass man nur noch gelegentlich auf ein anderes Team auf der Strecke traf.
Was in dieser Dunkelheit natürlich nun sehr gut aussah war der Sternenhimmel, da keine einzige Wolke am Himmel war und wir aus der Großstadt mittlerweile nur noch Diskolichter und Ampelfarben gewöhnt sind. Langsam wurden wir immer müder und unser Tempo auch gemächlicher. Der Gesprächsstoff wurde allerdings trotzdem nicht wesentlich weniger und so fiel uns immer wieder etwas nicht immer unbedingt Sinnvolles ein, womit wir uns gegenseitig unterhalten konnten. Meist fluchten wir also durchgehend. Wir kamen gegen 0 Uhr am Checkpoint 7 an und nun machte sich Ollis Tiefpunkt deutlich bemerkbar, der schwer mit seinem Magen zu kämpfen hatte. Er hatte mit einem der schlimmsten Marathonwanderkrankheiten zu kämpfen, der gefährlichen „Trailwalker-Diarrhö“. Allerdings hatte auch Fichte nun stärkere Probleme mit seinen Füßen und so lieferte er sich auf einer der DRK-Liegen ein. Nachdem dort festgestellt wurde, dass Fichtes Fußsohlen beide fast vollständig mit je einer einzigen großen, vom Ballen bis zur Ferse gehenden Blase bedeckt sind, wurde ihm empfohlen, seine Schuhe bis zum Ziel bitte gar nicht mehr auszuziehen.

Fichte beim Sanitäter

Gesagt, getan. Dann haben wir uns noch warme Nudeln gegeben und dann ging es mal wieder in den dunklen Wald. Die Müdigkeit machte uns langsam sehr zu schaffen. Die Schmerzen die mittlerweile jeder vor allem in Beinen und Füßen hatte, wurden immer stärker und es lagen noch über 35 Kilometer vor uns. Der Weg wurde teilweise sehr eng, auf dem schmalen Pfad mitten durch dichten Wald dachten wir einmal, uns komplett verlaufen zu haben, doch nach ein paar hundert Metern konnten wir wieder eines der reflektierenden Oxfam Trailwalker Schilder im Wald entdecken. Darüber waren wir dann natürlich sehr erleichtert.
Sehr mystisch sah es aus, als wir in der Dunkelheit ein Hochplateau im Harz erreichten. Der Mond sowie die Sterne leuchteten die riesigen Nebelschwaden im Tal an. Wow.
Irgendwie erreichten wir dann ächzend Checkpoint acht, bei dem unsere drei Supersupporter auch schon auf uns warteten. Wie an jedem Checkpoint wurde man außerdem immer von klatschenden Partymenschen empfangen, die uns damit jedes Mal ziemlich motivieren konnten.
Sau kalt war das, wenn man dann einmal nicht am laufen war. Wir pumpten uns mit Gemüse und Energydrinks voll um jetzt Anlauf für die letzten beiden Etappen zu nehmen. Noch kurz ans Lagerfeuer und los ging es. Bald ging auch die Sonne auf, mittlerweile kam uns alles sehr surreal vor und wir wurden stetig langsamer. Die letzten 15 Kilometer wollten dann auch wirklich einfach kein Ende nehmen. Die Schmerzen waren auf diesen letzten beiden Etappen auf dem Höhepunkt, unsere Laune nicht. Es gab keine Haltung mehr die nicht starke Schmerzen bei jedem Schritt mit sich zog. Allein für dieses letzte Stück brauchten wir ca. 3-4 Stunden. Wir legten ständig Pausen ein, denn diese letzten Meter gingen alle nur noch auf dem Zahnfleisch.
Schließlich erreichten wir Checkpoint neun. Von dort aus waren es noch knapp fünf Kilometer bis zum Ziel. Alle wollten jetzt schnell weiter und so quälten wir uns dann über die letzten Kilometer. Schließlich konnte man das Ziel schon hören. Am liebsten wäre ich dorthin gerannt, allerdings ließ mich ein Krampf im rechten Oberschenkel vielmehr laufen wie ein angeschossenes Lama.
Überglücklich wurden wir dann von vielen Menschen im Ziel empfangen. Unsere drei Supporter-/innen hatten uns Bier bereitgestellt. Wir wurden vom Oxfam Team beglückwünscht, ebenso vom Osteroder Bürgermeister und von anderen Menschen die wir nicht so recht kennen. Dann ging es ab zu den Sanitätern. Um Fichte versammelten sich prompt drei Sanitäter, die kopfschüttelnd und ratlos seine Verbände an den Füßen abnahmen. Somit haben wir Fichte auch zum inoffiziellen Blasenkönig unserer Wanderung gekürt. Juhu. Ein paar Worte haben wir dann noch im Oxfam Sportstudio verloren. Da haben wir uns gefühlt wie Franz Beckenbauer oder Günther Netzer im WM Studio. Obwohl die selten Bier in der Hand haben.
Dann ging es sofort ab in den Bus und wir fielen alle in einen tiefen komatösen Schlaf.
Der Oxfam Trailwalker war vorbei und wir haben es unglaublicherweise tatsächlich geschafft 100 Kilometer am Stück zu Fuß zurückzulegen. Ganz großes Kino war das.

Radio Havanna beim Oxfam Trailwalker 2010 from Radio Havanna on Vimeo.

Ein großes Dankeschön an unsere Spender die hiermit eine super Aktion unterstützt haben:
Andre König
Steffen Giesecke
Mirko Gläser
Jansport
Sophie Christian
Nicole Witzmann
Ilona Arnold
Sebastian Siegling
Frank Abraham
Farina Steinkamp
Patrick Schünemann
Sandro Witt
Dietrich Hertam
Gabriele Zimmer
Kristin Lammerskitten
Falk Schrann
Mia Wachowitz
Eva Petter
Sabrina Kohlrausch
Kristin Schriever
Heidi und Karl Moser
Frank und Kerstin Witzmann
Lisa Jaspers
Selena Knoth
Jennifer Meyer
Silke Christian

Ebenfalls DANKE für Spenden der Livekonzerte durch unseren super Konzertbesucher in:
Erfurt
Heiligenstadt
Meiningen
Landshut
Hollabrunn
Schweinfurt
Lübeck
Schwedt
München
Hamburg
Bausendorf
Dresden
Berlin
Wiesbaden
Heringen


1 Antwort auf “Radio Havanna beim Oxfam Trailwalker 2010 – der Nachbericht”


  1. 1 „Radio Havanna“ läuft OXFAM Trailwalker erfolgreich zu Ende « Sandro Witt Pingback am 10. Dezember 2010 um 20:44 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.